Hasse

Begründet auf dem Werk von Alessandro Scarlatti, hatte die Neapolitanische Schule in den vier Konservatorien Neapels den Hauptort, wo sich die stilistische Identität formierte und musikalisches Wissen weitergegeben wurde. Aus diesen zu karitativen Zwecken entstandenen Institutionen gingen Größen hervor wie Pergolesi, Vinci, Porpora, Leo (Vinci, Porpora und Leo lehrten später selbst dort). Außerhalb der Konservatorien wurde zudem nicht selten auch Privatunterricht erteilt, wie im Falle von Johann Adolf Hasse (1699-1783), jenem deutschen Neapolitaner (Benedetto Croce), der sich 1722 in der Stadt niedergelassen hatte und einer der letzten Schüler Scarlattis war. Die Opera seria sammelte sich mit Hasse zu neuer Kraft. Hasse, der wie Graun von der deutschen Oper zur italienischen überging, brachte es dadurch rasch zum Weltruhm, der in Italien, Deutschland, England (1733) und Paris (1750), aber auch in Spanien und Rußland seinen Namen selten populär machte.

Johann Adolf Hasse begann 1714 ein Gesangsstudium in Hamburg, wo er 1718 als Tenor an die Oper am Gänsemarkt empfohlen wurde. Im Jahr darauf wechselte Hasse nach Braunschweig, wo im Opernhaus am Hagenmarkt am 11. August 1721 seine erste Oper Antioco mit dem Komponisten in der Titelrolle zur Aufführung kam. Da Norddeutschland ihm ansonsten wenig Perspektiven bot, reiste Hasse nach Italien.

1723 trat er in Neapel zum ersten Mal in Erscheinung und wurde Scarlattis Lieblingsschüler. Im September 1725 führte er auf dem Landsitz von Carlo Carmignano, des königlichen Rats am Hof von Neapel, seine Serenade Antonio e Cleopatra auf, in der Vittoria Tesi und Farinelli sangen. Mit Sesostrate gab er am 13. Mai 1726 seinen erfolgreichen Einstand am renommierten Teatro San Bartolomeo in Neapel und reihte sich mit seinen folgenden Opern unter die beliebtesten Opernkomponisten Italiens ein. Spätestens der Erfolg von Artaserse im Karneval 1730 in Venedig machte Hasse, der sich den Beinamen il caro Sassone verdient hatte, über Italien hinaus bekannt. Dies war zugleich seine erste Zusammenarbeit mit dem Dichter Pietro Metastasio, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.

1730 heiratete Hasse die als La nuova Sirena gefeierte Sängerin Faustina Bordoni. 1731 gaben beide ein Gastspiel in Dresden, wo Hasse im September seine Oper Cleofide uraufführte. Unter den Zuhörern waren auch Johann Sebastian Bach und dessen ältester Sohn Wilhelm Friedemann, die auch in späteren Jahren des Öfteren die Dresdner Hofoper besuchten, um „hübsche Liederchen“ zu hören, wie der Thomaskantor Hasses Arien leicht spöttisch nannte. Kurfürst August der Starke verlieh Hasse den Titel eines Königlich Polnischen und Kurfürstlich Sächsischen Kapellmeisters. Sein offizieller Dienstantritt fand jedoch erst am 1. Dezember 1733 unter dem neuen Herrscher Friedrich August II. statt; bis dahin reisten Hasse und Faustina Bordoni weiterhin durch Italien und mehrten ihren Ruhm mit gemeinsamen Opernauftritten.

Von 1731 beherrschte er durch drei Jahrzehnte die Dresdener Bühne nahezu allein. Man rechnet ihm allein etwa 65 Opern, 14 Intermezzi und zahlreiche Pasticcios zu.  In seiner dreißigjährigen Amtszeit als Hofkapellmeister in Dresden formte Hasse das dortige Opernpersonal zu einem der Spitzenensembles der Zeit. Neben den Sängern mit Faustina Bordoni an der Spitze galt das von ihm neu organisierte Orchester als so vorbildlich, dass Jean-Jacques Rousseau den Sitzplan dieses Klangkörpers im Artikel „Orchestre“ seiner Encyclopédie als Musterbeispiel veröffentlichte. Der kurfürstliche Hof gewährte Hasse und Faustina großzügige Freiheiten, damit sie auch in ihrer eigentlichen künstlerischen Heimat Italien ihre Kontakte pflegen konnten. Für die Dresdner Zeit sind mindestens fünf längere Auslandsreisen des Ehepaars Hasse belegt. Zentrum dieser Reisen war Venedig, wo Hasse seit 1735 ein Haus besaß.

Ob Hasse Ende 1734 in London war, wo die mit Georg Friedrich Händel verfeindete Opera of the Nobility unter Leitung von Nicola Porpora eine Bearbeitung seines Artaserse spielte, ist nicht erwiesen. Einigen Quellen zufolge soll Hasse eine Einladung nach London mit der Begründung abgelehnt haben, er sehe sich außerstande, gegen Händel zu konkurrieren. Möglicherweise wollte er auch eine Begegnung mit Porpora vermeiden, der seit einem ungeklärten Vorfall während Hasses Studienzeit in Neapel nicht gut auf ihn zu sprechen gewesen sein soll. Falls Hasse wirklich daran gelegen war, Porpora aus dem Weg zu gehen, war dies jedoch nicht mehr möglich, als Letzterer 1748 nach Dresden kam und sogleich zum Gesangslehrer der Kurprinzessin Maria Antonia Walpurgis und zum Kapellmeister ernannt wurde. In der Folge kam es zwischen den beiden Kapellmeistern zu grotesken Auseinandersetzungen. So soll Porpora behauptet haben, Hasse habe die Arie Se tutti i mali miei in der Oper Demofoonte absichtlich so komponiert, dass sie für die Stimme von Porporas Schülerin Regina Mingotti ungünstig lag und ihre gesanglichen Schwächen bloßstelle. Tatsächlich gehört die fragliche Arie zur Rolle, die Faustina Bordoni in dieser Oper verkörperte. Mit seiner Ernennung zum Oberkapellmeister (7. Januar 1749) gewann Hasse wieder die Oberhand, während Regina Mingotti zum Publikumsliebling unter den Dresdner Gesangsstars aufstieg. Anfang 1752 verließ Porpora Dresden; Faustina Bordoni hatte sich Anfang 1751 nach der letzten Aufführung von Hasses Oper Ciro riconosciuto aus unbekannten Gründen als Sängerin zurückgezogen.

1750 weilte Hasse auf Einladung des französischen Hofes in Paris. Die Anhänger der französischen Aufklärung um die Philosophen Voltaire und Rousseau feierten ihn als Botschafter der italienischen Musikkultur, die sie als der eigenen überlegen betrachteten. Für Hasse war die Einladung nach Paris der Höhepunkt seines europäischen Ruhmes.

Mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges begann die „Ära Hasse“ in Dresden sich ihrem Ende zu nähern. Am 9. September 1756 besetzte Friedrich II. von Preußen die Stadt. Friedrich war ein großer Verehrer von Hasses Kunst. Schon 1742 hatte er Graf Francesco Algarotti gebeten, ihm eine Abschrift der Arie All’onor mio rifletti aus Lucio Papirio zu senden; nach Erhalt ließ er Hasse durch Algarotti zu dieser Komposition brieflich beglückwünschen. In Dresden nutzte der Preußenkönig, selbst ein passionierter Flötist und Amateurkomponist, trotz des Kriegszustandes jede Gelegenheit, um mit dem Ehepaar Hasse gemeinsam zu musizieren. Doch die königliche Begeisterung für seine Musik schützte Hasse nicht vor den Schrecken des Krieges. Beim Kanonenbeschuß Dresdens am 19. Juli 1760 brannte sein Wohnhaus ab, mitsamt den zum Stich vorbereiteten Abschriften seiner gesammelten Werke. Während der kurfürstliche Hofstaat seine Residenz nach Warschau verlegte, zog Hasse mit seiner Familie (zu der auch zwei Töchter gehörten, Maria Peppina und Cristina) im Januar 1761 nach Wien um und war dort vorübergehend als Musiklehrer der Erzherzoginnen Maria Carolina und Maria Antonia (Marie Antoinette) tätig.

Nach Kriegsende kehrten Hasse und Faustina Bordoni im Sommer 1763 nach Dresden zurück. Unmittelbar nach dem Tod von Friedrich August III. am 5. Oktober 1763 wurden sie durch dessen Nachfolger Friedrich Christian entlassen. Hasse komponierte noch die Musik für die Trauerfeierlichkeiten seines ehemaligen Herren und reiste am 20. Februar 1764 nach Wien ab. Dort waren die Anhänger einer Reform der italienischen Oper um Christoph Willibald Gluck immer zahlreicher geworden, doch der Geschmack des kaiserlichen Hofes hielt noch an der traditionellen Opera seria fest. Hasse selbst näherte sich mit dem „tragischen Intermezzo“ Piramo e Tisbe (November 1768), das er als eines seiner gelungensten Werke bezeichnete, behutsam dem reformierten Operntypus an.

Im Januar 1771 erhielt Hasse von Maria Theresia den Auftrag, anlässlich der Hochzeit von Erzherzog Ferdinand mit Prinzessin Maria Beatrice d’Este die Festoper Ruggiero nach einem neuen Libretto von Metastasio zu schreiben. Sowohl Hasse als auch Metastasio schlossen mit dieser Oper ihr Lebenswerk ab. Sie wurde am 16. Oktober 1771 im Teatro Regio Ducale in Mailand als Hauptpunkt des musikalischen Rahmenprogramms der Hochzeitsfeierlichkeiten aufgeführt, fand aber nur geringe Resonanz. Wie aus brieflichen Äußerungen hervorgeht, erkannten beide Künstler, dass die Zeit der von ihnen kultivierten Opernästhetik, von der sie sich nicht trennen wollten, vorüber war. Wesentlich größere Aufmerksamkeit erregte die tags darauf aufgeführte Oper Ascanio in Alba des fünfzehnjährigen Wolfgang Amadeus Mozart. Hasse soll daraufhin gesagt haben: „Dieser Knabe wird uns alle vergessen machen.“

Im April 1773 übersiedelte das Ehepaar Hasse nach Venedig, um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Am 4. November 1781 starb Faustina Bordoni; ihr Mann überlebte sie um zwei Jahre. Seine letzte Ruhestätte fand er in der Kirche San Marcuola in Venedig.

Werk und Wirkung

Die eher periphere Rolle, die Hasse im heutigen Musikleben spielt, entspricht kaum seiner musikgeschichtlichen Bedeutung. Er war einer der gefeiertsten Komponisten des 18. Jahrhunderts und durfte Persönlichkeiten wie Maria Theresia, Friedrich II. von Preußen und Voltaire (der ihn den „Helden des Jahrhunderts“ nannte) zu seinen Bewunderern zählen. Sein Werk war jedoch so sehr der Ästhetik seiner Zeit verpflichtet, dass es mit ihr gemeinsam untergehen musste.

Der Operntypus, der den Schwerpunkt von Hasses Gesamtwerk bildet und als dessen typischster Vertreter er gilt, hat auf der modernen Opernbühne generell keinen leichten Stand. Die ernste italienische Oper des 18. Jahrhunderts ist dort fast ausschließlich durch Werke von Händel und Gluck vertreten (auf dem Tonträgermarkt zusätzlich durch Antonio Vivaldi, sowie durch verstreute Einzelstücke in Arien-Recitals), die von der Normalform der Opera seria mehr oder weniger stark abweichen. Vielleicht wird sich diese Situation nun durch die Veröffentlichung von “Lava” ändern – es wäre zu wünschen.